Enyaq fährt an, obwohl Gaspedal nicht mal berührt wurde

  • Ja, reißerischer Titel und natürlich mit deutlichen Einschränkungen.


    Ich habe heute morgen fast einen Unfall provoziert, als mein geparkter Enyaq nach dem Einlegen der Fahrstufe D einfach los rollte, obwohl vorher die Bremse getreten wurde und Auto-Hold aktiviert ist.


    Aber nun im Detail:


    Ich habe einen Enyaq 60, 2023er Modelljahr, also Vor-Face-Lift mit Version 3.7


    Was ist nun genau passiert?


    Fahrzeug wurde gefahren und geparkt. Soweit alles gut. Ich stieg aus und wollte den Wagen mit dem Funkschlüssel abschließen. Der Wagen reagierte jedoch nicht auf den Schlüssel.

    Das ist mir schon zwei Mal passiert. Am Schlüssel liegt es nicht. Alle Türen waren ordnungsgemäß verschlossen. Kein Spiegel einklappen, keine Leuchten, die angehen, gar nichts. Auch nicht beim Aufschließen oder Kofferraumklappe.


    Lösung war bisher: kurz einsteigen, Auto aktivieren, Gang rein, aussteigen, Auto geht in Ruhemodus, abschließen klappt wieder.


    Also auf den Fahrersitz gesetzt, Bremse getreten, Gang auf D, Tür war die ganze Zeit auf, nicht angeschnallt und ausgestiegen. Da merkte ich, dass der Enyaq nach vorne rollt. Auf Ebener Fläche, also im automatischen Anfahrtmodus.

    Hätte ich es auch nur eine Sekunde später bemerkt und zu spät ins Auto gesprungen und die Bremse durchgeholzt, wäre ich dem vor mir parkenden PKW voll aufgefahren.


    Ich war ehrlich gesagt etwas schockiert.


    Was kann ich zu 1000% sicher sagen?

    - Gaspedal wurde definitiv NICHT berührt.

    - Auto-Hold ist definitv aktiviert.

    -Gangstufe D kann nur mit betätigen des Bremspedals aktiviert werden.

    -Enyaq geht aus, sobald der Sitz kein Gewicht mehr hat, kein Gurt eingerastet ist und Bremse betätigt wurde (Auto-Hold) und der Wagen steht.

    Selbst in Stufe D oder B.


    Wo ist also was falsch gelaufen?

    Ich habe den Abend damit verbracht, den "Fehler" zu reproduzieren.

    Hinsetzen, Bremse treten, Gang in D, Bremse loslassen, aussteigen. -> Auto geht aus


    Hat fast 30 Minuten gedauert, bis ich es reproduzieren konnte.

    Einsteigen, sofort die Bremse treten, schnell den Gang einlegen, bevor das System komplett hochgefahren ist und Bremse loslassen und aussteigen. Voila, der Wagen rollt los. Reproduzierbar!

    Das macht mich irgendwie halb fassungslos, aber auch wieder nicht. Irgendwie typisch VW-Konzern.

    Man könnte jetzt argumentieren:

    Jeder Schaltwagen rollt los, wenn kein Gang drin ist. Jeder Verbrenner Automatik rollt los, wenn man die Bremse los lässt und kein Auto-Hold aktiviert ist.

    Aber das ist ja der springende Punkt. Aus meiner Sicht haben hier zwei zentrale Elemente des Autos versagt:

    1. Auto-Hold wurde nicht aktiv

    2. Das Auto hat nicht erkannt, dass es sich eigentlich ausschalten sollte, wie es normalerweise sein sollte.

    Was ich an 2. noch nicht getestet habe, oder eventuell dazu im Widerspruch stehen könnte, ist natürlich die Möglichkeit, das sich das Auto im fahrendem Zustand nicht einfach ausschaltet, damit es halt fahrbar bleibt, was natürlich Sinn macht, wenn man mit 160 km/h durch die Gegend heizt.


    Was ich mich Frage: reagiere ich hier über? Bin ich es Schuld, da ich ein Fehlverhalten als Fahrer zu verantworten habe, oder reagiert das Auto nicht so, wie es eigentlich sollte/erwartet wird?


    Jemand Lust, es mit seinem Enyaq zu provozieren? Gerne Facelift, anderer Softwarestand etc.

    Ich teste es morgen Abend mal an meinem Elroq, der war halt bis gerade eben durch die Frau besetzt.

  • Irgendwie typisch VW-Konzern.

    Nö!


    Aber ganz sicher:

    Typisch komplexe Software.

    Typisch Lücken in der Spezifikation.

    Typisch < 100 Testabdeckung.


    Full disclosure: Die Firma für die ich im letzten Jahrtausend gearbeitet habe, hat seinerzeit das Kabinenkommuniationssystem für Airbus entwickelt, mit der Methode der formalen Verifikation. Da kann man dann mathematisch beweisen, dass der Code genau das tut, was spezifiziert wurde. Das ist ziemlich aufwendig und bei komplexer Software mit geringerer Kritikalität will das niemand bezahlen.


    Wie gut ist eigentlich so eine typische Spezifikation?


    Damals habe ich selbst noch Software entwickelt und hatte die Fertigstellung eines zentralen Moduls (Active Flightplan Processing) für einen internationalen Flughafen übernommen. Der Kollege aus der QS testete gerne mit Flugplänen einer DC3. Die fliegt schön langsam. So konnte er in Ruhe von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz gehen den (simulierten) Flug übergeben und im nächsten Sektor die Kontrolle übernehmen. Aus einer Laune heraus gab ich den Flugplan für eine Concorde ein und startete die Simulation. Nach kurzer Zeit stürzte die Flugsicherungsanlage komplett ab (was ein guter Test für das Hochverfügbarkeitskonzept war, denn nach kurzer Zeit übernahm das Backup System).

    Die Ursache des Absturzes lag in versteckten Annahmen in der Spezikation, die in diesem Fall nicht zutrafen.


    Ich bin in anderer Rolle und anderem Themenschwerpunkt noch immer im Umfeld komplexer Software tätig und es vergeht praktisch kein Tag ohne Überraschungen. Die meisten Dinge finden wir, bevor die Software ausgerollt wird. Aber eben nicht alles. "Edge cases" wie der von Dir beschriebene, sind sehr schwer zu antizipieren und oft auch von der exakten "Choreografie" abhängig.


    Respekt, dass Du Dich soweit durchgebissen hast, den Fehler reproduzieren zu können. Mit solch detaillierter Beschreibung ist ein Bug meistens schnell aufgespürt und behoben.


    Ich gehe aber sicher davon aus, dass kein Hersteller von solchen "Macken" verschont bleibt. Da fehlen so begnadete Tester, wie Du einer bist 💪.

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